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ISSN 2193-2980

Sidonie Engels

Denkmalpflege in der Kunstpädagogik.

Veröffentlicht am 2.07.2015

Rudi Preuss eröffnet seinen Beitrag mit dem Hinweis darauf, dass „die Auseinandersetzung mit der Kunst- und Kulturgeschichte Europas […] seit der Entstehung des Faches Kunst in der Schule zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine wesentliche Rolle in dessen Entwicklung gespielt [hat].“ Er zeigt auf, dass diese Auseinandersetzung bis heute insbesondere auf das Künstlersubjekt fokussiert ist und der Blick auf die Werke geprägt ist von einem im 19. Jahrhundert ausgebildeten „genialistischen Künstlerbild“. Preuss plädiert dafür, dem Blick auf das Kunstwerk als kulturhistorisches Objekt genauso Aufmerksamkeit zu schenken und arbeitet wichtige didaktische Ankerpunkte hierfür heraus. Im Zentrum stehen dabei Fragen der Deutung und der kontextuellen Verortung des Objekts.

In meinem ergänzenden Review möchte ich die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass in diesem Zusammenhang auch Fragen des Erhalts wichtig werden können. In der Betrachtung der Fachgeschichte zeigt sich, dass diese – im Gegensatz zu heute – durchaus Relevanz hatten. Drei markante Stationen der wechselvollen Geschichte der Kunstpädagogik, die im Folgenden kaleidoskopartig vorgestellt werden, machen dies anhand des Aspekts „Baudenkmäler“ anschaulich.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Kunstunterricht grundsätzlich neu ausgerichtet. Ziele und Inhalte des neuen Kunstunterrichts, der den Zeichenunterricht ablöste, legen die sogenannten „Richert’schen Richtlinien“ aus dem Jahr 1925 beispielhaft fest. In diesen Richtlinien, die Anregungen des ersten Kunsterziehungstages 1901 in Dresden aufnehmen (vgl. Pallat 1929: 7), wird die Pflege der erhaltenen Kunst- und Bauwerke sowie „Handwerkserzeugnisse“ explizit als Aufgabe des Unterrichts ausgewiesen:

Eine besonders wichtige und dankbare Aufgabe für den Zeichenlehrer ist es, die Schüler zum Studium der Bau- und Kunstdenkmäler und der Sammlungen des Schulortes und seiner Umgebung anzuleiten. Dabei sind auch die Erzeugnisse gesunden, von sicherem Stilgefühl beherrschten Handwerks zu berücksichtigen. Wo sich irgend Gelegenheit bietet, sind Bau- und Kunstformen und Handwerkserzeugnisse der Heimat, sei es freihändig, sei es projektivisch, sei es in Verbindung beider Weisen aufzunehmen. Den Schülern ist nahezulegen, ihre Aufnahmen, insbesondere solche von gefährdeten Denkmälern, in ein bei der Schule vorhandenes oder anzulegendes ‚Heimatsarchiv’ […] zu stiften.“ (Richert 1925: 173 f.)i

Die „geschichtliche und inhaltliche Bedingtheit“ der Kunstwerke jedoch, auf deren Bedeutung für den Kunstunterricht Preuss ausführlich eingeht, sollte gemäß der „Richtert’schen Richtlinien“ in den „kulturkundlichen Fächern“ verständlich gemacht werden (Richert 1925: 173), wie etwa die Festlegungen für das Fach „Geschichte und Staatsbürgerkunde“ verdeutlichen:

Bei Entwicklung der Höhepunkte geschichtlichen Lebens darf im Bilde der Gesamtkultur die Kunst, die Bau- und Bildkunst sowohl wie die Musik, nicht fehlen. Die Kunstbetrachtung innerhalb des Geschichtsunterrichtes zeigt deshalb in weitgehender Arbeitsteilung vornehmlich mit Deutsch, Religion, Zeichnen und den Fremdsprachen an wenigen, aber charakteristischen Beispielen die Eigenart und den Wandel des künstlerischen Ausdrucks, der Lebensstimmungen und Vorstellungen der verschiedenen Epochen. Selbstverständlich wird sie von den Bau- und Kunstdenkmälern der engeren Heimat ausgehen.“ (Ebd.: 75 f.).

Was Preuss für den Kunstunterricht reklamiert – das Kunstwerk als kulturhistorisches Objekt wahrzunehmen – war demnach zu Beginn des 20. Jahrhunderts für das Fach nicht direkt vorgesehen. Die Aufmerksamkeit dafür zu schulen, dass „Bau- und Kunstdenkmäler“ der Dokumentation (und Pflege) bedürfen, um der Nachwelt erhalten zu bleiben, dagegen sehr wohl.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als man vielfach an die Anfänge im beginnenden 20. Jahrhundert anknüpfte,ii war dieser Aspekt noch präsent. So regte etwa Emil Betzler, Vorsitzender des 1950 gegründeten Bundes Deutscher Kunsterzieher (BDK), „den Kunsterzieher“ an, hier aktiv zu werden und sich neben dem Einrichten von Laienkursen für Erwachsene auch über „die beratende Mitwirkung bei baulichen Planungen oder der Erhaltung von wertvollen Baudenkmälern in kleineren Städten, die sich für diese Aufgaben keine besonderen Fachleute halten können“, zu engagieren. (Betzler 1953: 84)

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Abb. 01

Ein Beispiel für ein solches Engagement stellt Friedrich Schötker 1953 vor – eine von 17-jährigen Schülern in Gemeinschaftsarbeit erstellte Bauaufnahme einer Hausfassade (Abb. 1). Schötker erläutert:

Eine wesentliche Aufgabe des Kunstunterrichts zur Pflege des Heimatgedankens ist die zeichnerische Bestandsaufnahme wertvoller Baudenkmäler. Auf der Abbildung […] sehen wir eine Schülergruppe beim Vermessen der Fassade des Stifts Neuwerk in Goslar und darüber einen sauberen Aufriß, in dem die Einzelaufnahmen der Schüler verwertet und zusammengefaßt wurden. Die Untersuchung, die leider insofern aktuelle Bedeutung erhalten hat, als diese schöne Fassade in neuester Zeit pietätlos übertüncht worden ist, galt insbesondere dem Barockportal, dem Fachwerk und der Ziegelsetzung in ihrer phantasievollen ornamentalen Anordnung.“ (Schötker 1953: 402a)

Als weiteres Beispiel zeigt Schötker den von einer 16-jährigen Schülerin angefertigten Grund- und Aufriss des Osnabrücker Domes um 1050 „nach dem Buch Burmeisters über die westfälischen Dome“ (Abb. 2). Der teilweise im Krieg zerstörte Dom „ging zur Zeit der Aufgabenstellung […] einem Wiederauf- bzw. Umbau entgegen.“ (Ebd.; vgl. Burmeister 1951)

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Abb. 02

In nachfolgenden Konzeptionen von Kunstunterricht – im „rationalen“ Kunstunterricht, in der „Visuellen Kommunikation“ und auch in der „Ästhetischen Erziehung“ – spielt die Denkmalpflege keine besondere Rolle.iii Dies belegt auch ein Blick in die 1968 gegründete Zeitschrift „Kunst + Unterricht“, in der bis in die 1980er Jahre hauptsächlich Vertreter der genannten Richtungen zu Wort kommen. Nur vereinzelt werden Aspekte der Erhaltung von historischen Stadtbildern dort zur Sprache gebracht (z.B. Wiegand/Kahrmann 1977 oder Haas 1979). Anders verhält es sich dagegen in der 1972 erstmals erschienenen „Zeitschrift für Kunstpädagogik“: Zwei Themenhefte (1975 zum Thema „Denkmalschutz“ und 1980 zum Thema „Architektur/Stadtplanung/Denkmalpflege“) werben für die Denkmalpflege als Gegenstand von kunstpädagogischen Überlegungen,iv und auch in weiteren Heften werden didaktische Fragen der Denkmalpflege aufgegriffen (z.B. Mahlberg 1980a; Schulze 1982; Ressel 1982).

In der Einleitung zum Themenheft von 1980 benennt der Herausgeber Hermann J. Mahlberg mögliche Gründe, „warum sich der typische Kunsterzieher für Phänomene der gebauten Umwelt weniger zuständig fühlte“: Zum Einen seien für Fragen der Architektur und der Stadtplanung oftmals Ingenieure und Statistiker zuständig, die von Künstlern eher als „Technokraten“ angesehen würden, und zum Anderen hätte die Überführung des Faches „Werken“, das in erster Linie für die „gebaute Umwelt“ zuständig war, in das Fach „Technisches Werken“ zu einem „endgültigen Bruch“ geführt. Den „Ästhetik-Erziehern“ sei unterdessen „bei dem heftigen Gerangel für und wider Comics, TV und Illustriertenpresse […] die gebaute Umwelt ein wenig aus dem Blickfeld“ geraten. (Mahlberg 1980b: 1) Angesichts der Tatsache jedoch – so Mahlberg – dass der Bürger mehr und mehr mit der Umgestaltung von Stadtbildern konfrontiert werde und Kinder häufig spontan „das ‚Bauen’ als Freizeitaktivität“ wählten, sei auf eine „kontinuierliche Behandlung von Phänomenen der gebauten Umwelt“ während der gesamten Schullaufbahn Wert zu legen. „Zu dem Thema Architektur/Stadtplanung/Denkmalpflege“ könne „bereits in der Grundschule etwas Sinnvolles“ gesagt werden. (Ebd.: 2)

Die „Zeitschrift für Kunstpädagogik“ erschien 1984 zum letzten Mal. Mahlberg – neben Hans Brög, Axel von Criegern und Hans-Günther Richter Schriftleiter des Blattes – engagiert sich als Begründer der „Forschungsstelle für Architektur und Denkmalpflege“ noch heute in der regionalen Denkmalpflege. Auch in seiner langjährigen kunstpädagogischen Hochschullehre an der Bergischen Universität Wuppertal war dieser Bereich stets präsent.

In den 2004 von der Kultusministerkonferenz beschlossenen „Ländergemeinsamen inhaltlichen Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung“ für das Fach Kunst ist die Denkmalpflege nicht angesprochen. (Vgl. Kultusministerkonferenz) So scheint es heute letztlich davon abhängig, für welche Themen der Kunstlehrer oder die Kunstlehrerin durch das Studium oder aufgrund persönlicher Vorlieben sensibilisiert ist, ob die Denkmalpflege im Kunstunterricht relevant wird. Es könnte im Fachdiskurs also darüber nachgedacht werden, inwiefern die in älteren Positionen präsente Denkmalpflege als Teil einer von Preuss geforderten Kunstdidaktik, welche Kunstwerke als kulturhistorische Objekte wahrnimmt, an Bedeutung zu gewinnen hätte.

Literatur

Betzler, Emil (1953): Kunsterziehung und Gegenwart, in: Herbert Trümper (Hg.): Allgemeine Grundlagen der Kunstpädagogik (Handbuch der Kunst- und Werkerziehung Bd. I), Berlin, S. 73-84

Burmeister, Werner (1951): Die westfälischen Dome: Paderborn – Soest –Osnabrück – Minden – Münster, München

Diel, Alex (1969): Die Kunsterziehung im Dritten Reich. Geschichte und Analyse, München

Engels, Sidonie (2015): Kunstbetrachtung in der Schule. Theoretische Grundlagen der Kunstpädagogik im „Handbuch der Kunst- und Werkerziehung“ (1953-1979), Bielefeld

Haas, Hermann (1979): Die Zechensiedlung „Rheinpreußen“. Ein Beispiel gestalteter Umwelt im Unterricht eines Leistungskurses Kunst in der Sekundarstufe II, in Kunst + Unterricht 57/1979, S. 56-65

Kehr, Wolfgang (1983): Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik im 19. und 20. Jahrhundert. Studien zur Vermittlung von Kunstgeschichte an den Höheren Schulen, München

Klueting, Edeltraud (1991): Vorwort, in: Dies. (Hg.): Antimodernismus und Reform. Beiträge zur Geschichte der deutschen Heimatbewegung, Darmstadt, S. VII-XII

Knaut, Andreas (1991): Ernst Rudorff und die Anfänge der deutschen Heimatbewegung, in: Klueting, Edeltraud: (Hg.) (1991): Antimodernismus und Reform. Beiträge zur Geschichte der deutschen Heimatbewegung, Darmstadt, S. 20-49

Kultusministerkonferenz: Ländergemeinsame inhaltlichen Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung, 2004 (http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2008/2008_10_16_Fachprofile-Lehrerbildung.pdf; 8.8.2013)

Legler, Wolfgang (2011): Einführung in die Geschichte des Zeichen- und Kunstunterrichts, Oberhausen

Mahlberg, Hermann J. (1980a): Baudenkmal und Geschichte, in: Zeitschrift für Kunstpädagogik 5/1980, S. 49-57

Mahlberg, Hermann J. (1980b): Architektur/Stadtplanung/Denkmalpflege, in: Zeitschrift für Kunstpädagogik 3/1980

Pallat, Ludwig (1929): Einleitung, in: Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht in Berlin (Hg.): Kunsterziehung. Ergebnisse und Anregungen der Kunsterziehungstage in Dresden, Weimar und Hamburg, Leipzig

Ressel, Gert (1982): Projekt Bauaufnahme, in: Zeitschrift für Kunstpädagogik 2/1982, S. 15-18

Richert, Hans (Hg.) (1925): Richtlinien für die Lehrpläne der höheren Schulen Preußens. 1. Teil: Grundsätzliches und Methodisches, Berlin

Richter, Hans-Günter (2003): Eine Geschichte der ästhetischen Erziehung, Niebüll

Schötker, Friedrich (1953): Kunst- und Werkbetrachtung, in: Herbert Trümper (Hg.): Allgemeine Grundlagen der Kunstpädagogik (Handbuch der Kunst- und Werkerziehung Bd. I), Berlin, S. 388-402b

Schulze, Jörg (1982): Das Denkmal – ästhetisches Objekt oder Geschichtsdokument?, in: Zeitschrift für Kunstpädagogik 2/1982, S. 11-14

Wiegand, Christoph; Kahrmann, Klaus-Ove (1977): Was wird aus Flensburgs Norderstraße? Altstadterhaltung als Gegenstand des Kunstunterrichts, in: Kunst + Unterricht, Sonderheft 1977 („Auseinandersetzung mit Realität“), S. 73-76

Bildunterschriften Abb. 1: Bauaufnahme einer Hausfassade im Jahr 1950 (Schötker 1953: 389)Abb. 2: Grund- und Aufriss des Osnabrücker Doms um 1050 (Schötker 1953: 340)

Anmerkungen

i Zur Geschichte der Heimatschutzbewegung als „Versuch rationaler Daseinsgestaltung als Gegenentwurf zum Industrialisierungsprozeß des 19. Jahrhunderts“ (Klueting 1991: VII) s. Knaut 1991.

ii Zum Kunstunterricht im Nationalsozialismus ausführlich Diel 1969 sowie Kehr 1983: 134-150; zur Theoriebildung in der Nachkriegszeit s. Engels 2015.

iii Einen einführenden Überblick über die Geschichte(n) des Kunstunterrichts bieten Richter 2003 und Legler 2011.

iv Zeitschrift für Kunstpädagogik 6/1975: Thema „Denkmalschutz“ mit Beiträgen von Dieter Junker („Zur (Re-)Aktivierung des emanzipatorischen Potenzials von Kunst“), Günther Binding („Aspekte der Denkmalpflege im Rahmen städteplanerischer Intentionen“), Karl Klöckner („Denkmalschutz/Denkmalpflege – eine Aufgabe für die Kunstpädagogik?“), Norbert Garborini („Konservieren oder Restaurieren?“) und Udo Mainzer („Der Landeskonservator“) und Zeitschrift für Kunstpädagogik 3/1980: Thema „Architektur/Stadtplanung/Denkmalpflege“ mit Beiträgen u.a. von Hermann J. Mahlberg („Architektur/Stadtplanung/Denkmalpflege“, s.u., und „Stadtsanierung Elberfeld Nord“), Fritz Straßner („Unterricht über das Thema Stadt/Architektur“), Friedhelm Niggemeier („Stadtsanierung Ortskern Fröndenberg“), Ingeborg Vossen-Janssen („Denkmalpflege in der Praxis“), Sigurd Schaper/Ulrich Eichler („Stadtplanung als Problem der Umweltgestaltung“) und Wolfgang Ritter („Alltagsarchitektur und Kunstpädagogik“).

Zitiervorschlag

Sidonie Engels: Denkmalpflege in der Kunstpädagogik.Ein Review zu Rudolf Preuss: "Sinnes- und Sinnwahrnehmung. Über die Einbindung von Kunst- und Kulturgeschichte in den Kunstunterricht". In: onlineZeitschrift Kunst Medien Bildung | zkmb 2015, http://zkmb.de/476; Zugriff: 25.09.2017

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